Amnesty International Indien Koordinationsgruppe

Impressum | Login

Indien Koordinationsgruppe

StartseiteBhopal: Erster Schuldspruch nach über 25 Jahren

07.06.2010

Bhopal: Erster Schuldspruch nach über 25 Jahren

Zum erstenmal sind heute von einem Gericht in Bhopal verantwortliche Manager für die Gas-Katastrophe von 1984 verurteilt worden. Dazu hat Amnesty International die folgende Erklärung abgegeben:

AMNESTY INTERNATIONAL Presseerklärung, 7. Juni 2010

Erste Schuldsprüche zum Union-Carbide-Unglück von 1984: zu wenig, zu spät

Nachdem am Montag sieben indische Staatsbürger für die Union-Carbide-Gaskatastrophe von 1984 verurteilt wurden, hat Amnesty International die indische und amerikanische Regierung aufgerufen, den nächsten Schritt zu tun und auch die US-amerikanische Union Carbide Corporation (UCC) zur Rechenschaft zu ziehen.

Sieben indische Staatsangehörige, die früher für das indische Unternehmen Union Carbide India Ltd (UCIL) arbeiteten, wurden von dem Gericht in Bhopal der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden: ein Schuldspruch, auf den maximal zwei Jahre Haft stehen.

"Es sind historische Urteilssprüche, aber es ist zu wenig und es ist zu spät. Fünfundzwanzig Jahre Warten auf das Ergebnis eines Strafprozesses: Dies ist eine inakzeptable Zeitspanne für die Überlebenden der Katastrophe und die Angehörigen der Toten ", sagte Audrey Gaughran, Director of Global Issues bei Amnesty International.

Mehr als 25 Jahre nach der Katastrophe ist das Fabrikgelände noch immer nicht saniert, sind das Leck und seine Auswirkungen noch immer nicht genau untersucht. Mehr als 100.000 Menschen leiden weiterhin an gesundheitlichen Problemen, ohne die nötige medizinische Versorgung zu erhalten, und Überlebende warten immer noch auf eine angemessene Entschädigung und volle Wiedergutmachung für ihr Leiden.

Gegen die US-amerikanische Firma UCC und ihren ehemaligen Vorsitzenden, Warren Anderson, wurde im Jahr 1987 Anklage erhoben. Allerdings haben sich beide geweigert, vor Gericht zu erscheinen.

"Während die indischen Mitarbeiter nun prozessiert und verurteilt wurden, konnten sich die ausländischen Beschuldigten der Justiz entziehen. Einfach indem sie im Ausland blieben. Dies ist völlig inakzeptabel", sagte Audrey Gaughran.

Die US-amerikanische UCC ist seit 2001eine hundertprozentige Tochtergesellschaft von The Dow Chemical Company (Dow). Hinterbliebenen- und Menschenrechtsgruppen haben dafür gekämpft, dass sich Dow um die laufenden Auswirkungen der Katastrophe kümmert, einschließlich der Verunreinigung des Wassers durch chemische Abfälle. Aber das Unternehmen hat die Aufrufe immer wieder ignoriert und jede Verantwortung für die UCC-Verbindlichkeiten in Bhopal geleugnet.

"Allzuoft erweisen sich komplexe Unternehmensstrukturen und die Tatsache, dass die Unternehmen über mehrere Gerichtsbarkeiten hinweg tätig sind, als Haupthindernisse bei dem Versuch, sie zur Rechenschaft zu ziehen", sagte Audrey Gaughran. "Die Verurteilung der indischen Angeklagten in diesem Fall reicht eindeutig nicht aus - die Regierungen von Indien und den USA müssen sicherstellen, dass die ausländischen Angeklagten, einschließlich UCC, auch vor Gericht gestellt werden."

Der massive Gasaustritt tötete in den ersten Stunden und Tagen 7.000 bis 10.000 Menschen und weitere 15.000 in den folgenden 20 Jahren. Mehr als 100.000 leiden weiterhin unter schweren gesundheitlichen Problemen.

Die strafrechtlichen Verfolgungen in Bhopal begannen weder zeitig, noch waren sie wirksam. In den Jahrzehnten zwischen den ersten Verhaftungen und der Anklageerhebung sind Tausende von Menschen an den Gaseinwirkungen gestorben.

Der indische Staat hat seine internationalen Verpflichtungen vernachlässigt, indem er die Strafverfolgung sich über Jahre hinziehen ließ und sowohl Opfern als auch Angeklagten das Recht auf eine zügige Feststellung der strafrechtlichen Verantwortlichkeit vorenthielt.

Alle Bemühungen um die Auslieferung von Warren Anderson blieben erfolglos. UCC widersetzt sich weiterhin der indischen Gerichtsbarkeit und kommt den wiederholten Aufforderungen, vor dem Strafgericht von Bhopal zu erscheinen, nicht nach. Dies hat eine strafrechtliche Verfolgung von Anderson und UCC bisher unmöglich gemacht.

Am 2. Dezember 1984 entwichen Tonnen von tödlichen Chemikalien aus der UCC-Pestizidfabrik in Bhopal, Zentral-Indien. Rund eine halbe Million Menschen waren ihnen ausgesetzt. Zwischen 7.000 und 10.000 Menschen starben unmittelbar danach, weitere 15.000 in den folgenden 20 Jahren.

Nur wenige Stunden nach der Tragödie wurden neun Personen und drei Konzerne beschuldigt. Dazu gehörten acht Inder, die für UCIL bzw. die Anlage in Bhopal arbeiteten, und Warren Anderson, US-Staatsbürger und damaliger Vorsitzender von UCC. Die beschuldigten Unternehmen waren: die indische UCIL, die US-amerikanische Muttergesellschaft UCC und UCE, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der UCC mit Sitz in Hongkong, aber amtlich eingetragen in den USA. Verhaftungen wurden zügig vorgenommen, obwohl Anklagen erst im Jahr 1987 erhoben wurden.

Im Jahr 2005 erließ das Gericht in Bhopal eine Vorladung für Dow. Das Unternehmen sollte am Verfahren teilnehmen und Rechenschaft darüber abgeben, warum es seine hundertprozentige Tochtergesellschaft und als flüchtig erklärte UCC nicht vor Gericht lassen wollte. Die Dow-Tochtergesellschaft in Indien, Dow Chemical India Private Ltd, erwirkte die Aussetzung der Vorladung.